Die Kultur kommt vom Kult, und ohne den Kult machen wir uns nur etwas vor.

Radikale Traditionalisten sind exzellente Kritiker. Sie können den Zusammenbruch einer Zivilisation analysieren. Sie können präzise feststellen, welche fehlerhaften Prämissen zur Einöde der Moderne geführt haben. Sie können bis in die kleinsten Verästelungen der Popkultur und des zeitgenössischen Vokabulars die egalitäre Fäulnis entdecken, welche noch die simpelsten gesellschaftlichen Interaktionen vergiftet.

Doch Kritik ist nur ein Mittel. Das Ziel besteht nicht nur einfach darin, das Kali-Yuga zu bejammern, sondern eine organische Gesellschaft zu schaffen, die unserer Rasse wieder eine Aufwärtsentwicklung ermöglicht. Dies erfordert etwas jenseits von Intellekt, Kritik und Vernunft. Es erfordert die Gundsteinlegung einer neuen Gesellschaftsordnung, die all dieses umfasst, damit es funktioniert.

Das bedeutet, ein Band aus Sinn und Erlebnis zu weben, das den Arbeiter mit dem Philosophen verbinden kann und Klassen-, Bildungs- und Wohlstandsunterschiede in einem kulturellen Kontext überwindet. Das bedeutet Religion. Oder noch genauer ausgedrückt, es bedeutet Kult.

konstantin_vasilev_germanen_01Wenn Heide zu sein für irgendetwas stehen soll, dann muss das Heidentum authentische spirituelle Erfahrung und einen kulturellen Rahmen bieten, der sinnstiftend und bedeutungsvoll innerhalb der modernen Welt ist. In ähnlicher Weise wie eine christliche Kirche sowohl dem einfachen Gemeindemitglied als auch dem anspruchsvollen Theologen etwas zu bieten hat, so muss auch Ásatrú [„Die Treue zu den Asen“; der alteuropäische Glaube] eine spirituelle Gemeinschaft formen, die unabhängig vom persönlichen Grad an Intellektualität und unabhängig vom Maß des gewählten Engagements verbindet. Um peinliche Debakel wie die christlicher Apologeten zu vermeiden, die Dinge wie Junge-Erde-Kreationismus verteidigen, muss heidnische „Theologie“ – in Ermangelung eines besseres Begriffs – stets offen für ein korrektes Verständnis der Wissenschaften und der Natur sein.

In einem tieferen Sinne bedeutet Heide in der modernen Welt zu sein, die Mythologie zu leben. Für einen echten Heiden ist jede gesellschaftliche Interaktion, jede sexuelle Beziehung, jedes Mahl, jedes Werk, jeder Kampf und jede Leistung mit Sinnhaftigkeit erfüllt und offen für die Magie des Rituals. Anstatt also einfach nur anzunehmen, dass die Götter oder eine göttliche Sphäre existieren, muss der Heide sich als Charakter in seiner eigenen Sage sehen – durch Studium und Disziplin verbunden mit ekstatischer Erfahrung fähig, von der Kraft der Götter zu zehren.

Eine derartige Revolution des Denkens ist keineswegs leicht und muss daher mit etwas beginnen, was selbst Christen als weltfremd betrachten – dem Ritual. Im katholischen Hochamt oder bei den Orthodoxen ist die Messe ein Versuch, den Himmel auf Erden zu bringen, das persönliche Bewusstsein in eine andere Welt zu versetzen. Im germanischen Heidentum wollen wir die Götter zu uns bringen, entweder als Präsenz während des Rituals oder als Besitzergreifung von uns selbst. Dies erfordert eine körperliche und geistige Trennung von der Alltagswelt.

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Die praktischen Spezifika unterscheiden sich von Gruppe zu Gruppe. Die Goden zeichnen einen von der übrigen Welt abgegrenzten Raum, dies geschieht durch die Macht von Mjölnir (Thors Hammer), Gungnir (Odins Speer) oder mithilfe eines anderen Werkzeugs.

Hierdurch wird ein psychologischer Bruch mit dem Alltäglichen bewirkt, innerhalb des Vé (dem abgegrenzten Heiligtum) wird eine veränderte Realität angenommen. Ein Praktizierender drückte es so aus: „Außerhalb des Vé bin ich Atheist, innerhalb des Vé bin ich ein religiöser Fanatiker.“ Durch Veränderung des äußeren Erscheinungsbildes, rituellen Gesang, Musik und andere Praktiken wird das Bewusstsein verändert, das Heilige wird vom Weltlichen getrennt. Die Abgrenzung von Heiligem und Weltlichem geht wahrscheinlich an die Wurzel jeder kulturellen Identität und ist die Definition davon, was ein Volk vom anderen trennt.

Einige mögen dies als billige „Lichtschau“ und „Trickserei“ abtun, um das Gehirn zu täuschen. Wenn dem so ist, dann trifft das auch auf die Gestaltung der Hagia Sophia (ein irdischer Versuch, den Himmel nachzuahmen) zu, ebenso auf die Verwendung von Weihrauch bei der Messe und den gemeinsamen Kirchengesang. In einem höheren Sinne jedoch ist das Ritual der „niedrigste“ Versuch, das Bewusstsein über das Alltägliche zu erheben. Da die moderne Welt das Heilige beseitigt hat (tatsächlich ist gerade dies ihr Charakteristikum), müssen die anfänglich Praktizierenden durch extreme Methoden ihr Bewusstsein „schocken“, um es für das Göttliche empfänglich zu machen.

Das heißt nicht, dass jemand, der sich ein Wolfsfell überwirft und schreiend umherrennt, dadurch eines Tages in den Wäldern dem Allvater begegnet. Wird ein Ritual, mit dem dazugehörigen Zauber, jedoch richtig praktiziert, so kann es die notwendige Offenheit für spirituelle Erfahrung bewirken, wodurch ein Transformationsprozess eingeleitet wird. Es geht nicht nur darum, hin und wieder ein Ritual durchzuführen und dabei die Anwesenheit gleichgesinnter Gefährten zu genießen, obwohl auch das schon wohltuend und gesund ist. Es geht darum, zu verstehen, dass die Götter, die Sagen, die Runen und die spirituelle Transformation durch eine Art psychologische Programmierung in einem selbst und im eigenen Volk zum Leben erweckt werden können.

Im Alltag muss sich niemand festlegen, ob die Götter nun wirklich real oder nur kulturelle Archetypen sind. Stattdessen leitet das Ritual einen geistigen Transformationsprozess ein, der fortlaufend wirkt.

Im Hávamál („des Hohen Lied“; der Hohe ist Odin) wird uns erzählt, wie Odin das Geheimnis der Runen erfasste.

Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum
Neun lange Nächte,
Vom Speer verwundet, dem Odin geweiht,
Mir selber ich selbst,
Am Ast des Baums, dem man nicht ansehn kann,
Aus welcher Wurzel er sproß.

Sie boten mir nicht Brot noch Met;
Da neigt’ ich mich nieder
Auf Runen sinnend, lernte sie seufzend:
Endlich fiel ich zur Erde.

frolich-havamal

Der Allvater begreift die Runen in einem Moment der Ekstase, diesem Augenblick jedoch geht eine lange Phase der Entbehrung, des Leidens und der Disziplin voran. Das neuntägige Hängen an Yggdrasil deutet auf einen Eintritt in eine andere Bewusstseinsebene hin, auf eine höhere Ebene des Gewahrwerdens, ähnlich wie von den christlichen Heiligen beschrieben, die Fasten oder sexuelle Abstinenz praktizierten. Das Erlangen höchster Weisheit kommt vom Opfer „von sich selbst an sich selbst“, reguliert durch das Ritual, vorbereitet durch bewusstes Studium, ermöglicht durch ekstatische Erfahrung.

Ein talentierter Musiker oder begabter Feldherr mag einen Geistesblitz in einem kritischen Moment erfahren, doch diese Art göttlicher „odinischer“ Inspiration ist keine reine Sache des Zufalls. Sie ist das Ergebnis eines lebenslangen bewussten Studiums, verbunden mit den unterbewussten Kräften des menschlichen Geistes.

Ein jeder kann die „Muse“ spüren – damit die Eingebung jedoch herausragend ist, muss zunächst der Boden bereitet werden.

Exzellenz, sagte Aristoteles (einer der großen Heiden), ist eine Angewohnheit. Wir sind, was wir wiederholt tun. In heidnischen Gesellschaften ist das Ritual ein Weg, weltliches Tun auf eine höhere Sinnebene zu erheben und natürliche Triebe in Bahnen erhabener Sensibilität zu leiten. Im feudalen Japan beispielsweise strebte der Samurai sowohl im Kampf als auch im artistischen Ausdruck (durch Mittel wie die „Teezeremonie“) nach Perfektion in allem, was er tat. Für den Heiden sollte das gelegentliche Ritual der Anfang eines Veränderungsprozesses sein, der mit der Zeit all seine Handlungen durchdringt.

Nietzsche forderte, dass der Übermensch sein ganzes Leben als Gesamtkunstwerk leben sollte. Die vollkommenste Meisterschaft für den Heiden besteht darin, sein ganzes Leben zu einem Ritual werden zu lassen, einem großen Werk, das seine eigene Natur und seine Umwelt durch eine Art spiritueller Alchemie formt. Im traditionalistischen Geschichtsverständnis gab es einst ein goldenes Zeitalter, in dem die Menschen eins mit den Göttern waren und ihre Reinheit des Blutes und des Geistes ließ sie Wunder vollbringen und zu Erkenntnissen gelangen, die den Bewohnern des Kali-Yuga verschlossen bleiben. Das Ritual, korrekte Praxis, Disziplin und odinische Ekstase ermöglichen es dem Heiden, nach diesem goldenen Zeitalter zu greifen.

Im Hávamál heißt es:

Weißt du zu ritzen? Weißt du zu erraten?
Weißt du zu finden? Weißt zu erforschen?
Weißt du zu bitten? Weißt Opfer zu bieten?
Weißt du, wie man senden, weißt, wie man tilgen soll?

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Der moderne Mensch befindet sich im Krieg mit der Natur, mit seinen Mitmenschen und mit sich selbst.

Der Heide strebt danach, seinen Geist mit dem Kreislauf der Natur in Einklang zu bringen, inneren Frieden mit Stammesgenossen durch organische Gemeinschaften zu erreichen und Herr über sich selbst zu werden, um nicht länger Sklave niederer Instinkte zu sein.

Dies erfordert eine reale Erfahrung – echte, authentische Praxis, entweder als Einzelner oder besser, mit Stammesgenossen. Wieder eine organische Kultur zu errichten, heißt, ein gemeinschaftliches Erlebnis zu schaffen.

Das Heidentum darf nicht auf Bücher – oder noch schlimmer, das Internet – beschränkt sein. Es muss in mühevoller Arbeit körperlich und in kameradschaftlicher Praxis gelebt werden.

b0228988_038767Zwar sind unsere Quellen, „es so zu machen wie unsere Ahnen“ begrenzt, doch das ist relativ unwichtig. Wichtig ist, von dem auszugehen, was wir wissen und uns auf den Weg zu machen, die alten Mysterien zu verstehen, um so an die Urtradition anzuknüpfen. Metapolitik, Metaphysik und ethische Prinzipien von Ásatrú müssen erklärt und auf alle möglichen Arten vermittelt werden. Letztlich können aber auch Zehntausende Worte nicht die Wirkmächtigkeit von einem authentischen „odinischen“ Erlebnis ersetzen.

Das authentische Ritual ermöglicht es uns, echte Gemeinschaften zu errichten, auf einer Ebene, die keiner rationalen Erklärung bedarf. Menschen schließen sich Gruppen aus drei Gründen an: ideologischen, materiellen, gesellschaftlichen. Die Schwäche von rein abstrakt-ideologischen Gruppen besteht in inneren Konflikten und Spaltungen über ideologische Fragen. Auf der materiellen Ebene kann ein „Stamm“ die Fähigkeit entwickeln, seine Angehörigen mit Arbeit, Finanzhilfen und Jobvermittlung zu unterstützen, besonders bei jenen, die von der Gesellschaft ausgestoßen wurden. Am wichtigsten jedoch ist, dass gemeinschaftliches Ritual, gemeinschaftliche Symbolik, gemeinschaftliche Versammlungen ein Volk „erschaffen“ können – sie geben ihm seine eigene Definition von „gut“ und „böse“, wie in Also sprach Zarathustra beschrieben.

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Wir verteidigen die Weißen nicht so wie sie sind, sondern die Weißen, wie sie werden könnten. Dieser Transformationsprozess und diese Volkserschaffung beginnt mit der Errichtung des Heiligen.

Das Christentum verlangt, rational das Unglaubliche zu glauben. Heiden sollten nicht in Apologetik konkurrieren oder sich ins Abstrakte flüchten. Ihnen bleibt, ihre eigene Sage zu schreiben, indem sie die Mythologie in der modernen Welt leben. Es ist keine Frage des „Glaubens“ an Odin, es geht vielmehr darum, seinen Pfad zu beschreiten, und dadurch eins mit den Göttern zu werden. Letztendlich ist Ásatrú nichts, was jemand glaubt, sondern etwas, was gelebt wird – nicht einfach eine Tradition „für“ ein Volk, sondern eine Praxis, die eines erschaffen kann.

 

Quelle (Auszug):

Die Bedeutsamkeit des Rituals
Von Gregory Hood – Übersetzung, Kürzung und Bildauswahl durch Ratbald. The Importance of Ritual erschien am 02. August 2013 auf Counter-Currents Publishing.

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