Geschlecht auf Geschlecht in endloser Kette hat einst den Boden Germaniens bewohnt und bebaut, hat seine Toten in Gräbern aus Stein oder in gebrannten Urnen beigesetzt und hat sich seine Gedanken gemacht über den Sinn dieses Lebens, das sie froh und stark und in Ehrfurcht vor dem Unerforschlichen erlebten und, wenn die drängende Not der Sippe oder des Volkes es gebot, freudig aufs Spiel setzten.

Viele tausend Jahre reichte so ein Glied dem nächsten die Güter des Lebens weiter; nicht nur das heilige Brotkorn, das sie als das sichtbare Zeichen der Lebenserhaltung verehrten, auch die Güter der Seele und des Geistes, die als Frucht des Welterlebnisses
und der Welterkenntnis in jahrhundertelanger Reihe zum Mythos und Märchen, zu Sinnbild und Sage gewachsen waren. Bis in der Zeit der großen Völkerdämmerung gewaltige Heere aus dem fremden Süden kamen, ihr Recht an die Stelle des heimischen und ihre Götterwelt an die Stelle der eigenen zu setzen. Ein überragender Führer raffte das Volk zusammen und schlug die feindlichen Heere aufs Haupt, und noch lange, vielleicht mehr als tausend Jahre hat man von diesem Führer gesungen, der durch seinen Sieg den Frieden des Volkes und seiner Sippen wiederherstellte.

Es kam aber eine andere Zeit, böser als jene: da kamen wieder fremde Heere, aber diesmal waren es die eigenen Stammesgenossen, die sie führten; und in ihrem Gefolge kamen fremde Männer mit anderen Lehren, die von alledem, was da auf dem heimischen Boden gewachsen war, nichts mehr wußten.

Und vor ihrem Wirken mußte die uralte, heilige Welt der eigenen Überlieferungen weichen und in das Dunkel der Wälder und in die Öde der Heiden zurückweichen. Und endlich fand es eine letzte Zuflucht nur in den Seelen selbst, die die gleichen geblieben waren wie in der Urzeit, und in dem, was man am prasselnden Feuer und im winterlichen Webkeller, und endlich beim surrenden Rade in den Spinnstuben einander erzählte.

Und damit war Frau Sage dorthin zurückgekehrt, wo ihre eigentliche Heimat war: in den lebendigen Kreis der Geschlechterfolgen, in denen das heilige Brotkorn und das lebendige Korn der Überlieferung lebenspendend und lebenerhaltend von Kind zu Kindeskindern weitergegeben wurden. Während die Männer und die Frauen, die auf der Flöhe des Lebens stehen, dem tätigen Leben sein Recht zuteil werden lassen, Fleiden umpflügen und Wälder roden, weiß die Ahnfrau und der Ahne die uralten, tiefen Untertöne, die die ewige Begleitmelodie dieses tätigen Lebens bilden; und von ihnen erfahren es die Enkel, die zu ihren Füßen sitzen, und die zu allen Zeiten die Empfänglichsten sind für das alte Wissen und den alten Glauben und für die Wunder, die die Welt denen offenbart, die um ihre alten und tiefen Geheimnisse wissen.

Die Ältesten und die Jüngsten – das ist der sinnende und träumende Teil des Sippenlebens, das erst durch diese Ergänzung zu jenem geheimnisvollen Urwesen wird, von dem wir heute noch einen Hauch verspüren.

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Hier wußte man noch von großen Ahnen, die draußen in den Heidegräbern ruhen und wie einst im Leben, so jetzt noch die heiligen Schutzgeister der ganzen Sippe sind. Man wußte noch von dem König im Berge, der seine Schätze mitgenommen, damit kein schnöder Zwist um den Hort den Frieden der Sippe störe. Man wußte noch von dem Kind, an dessen Wiege die weisen Frauen getreten waren, ihm ihre Gaben zu verleihen; und wie dann die böse Frau ihr das schlimme Geschick bereitete, von dem sie aber der mutige Königssohn, der nichts fürchtete, wieder erlöste.

image001Und alles dieses wußte man nicht nur, man kannte auch noch die Stellen, wo es geschehen war. Da kannte man in der Mark den Berg, in dem einst vor uralter Zeit der König Hinz in drei Särgen mit all seinen Schätzen begraben wurde. In Mecklenburg zeigt man den Hügel, in dem die Zwerge an einem steinernen Tische saßen und einen ehernen Kessel hüteten.

Die Ursache webt, die Ur-Saga lebt,
über der Zeiten gähnendem Grund,
malt sie sich weiter von Mund zu Mund.

Die Ähni es sagt, der Enkel er fragt –,
so wie die Quelle den Ursprung beschreibt,
der Fluss der Rede getreulich bleibt.

Die Stürme weh’n und Stürme vergeh’n,
es ducken sich Sippen und wachen auf,
die Sage nimmt unbeirrt ihren Lauf.

Im glänzenden Licht, der Königsbericht,
erzählte von Hinz, diesem guten Mann,
der höchstes Anseh’n im Volk gewann.

So wie er geführt‘, ihm Ehre gebührt !
Die Künste des Schmiedens hat er gelehrt,
zu schlagen wusste sein scharfes Schwert.

Zum Gange der Zeit gab er Bescheid –,
das Sternen-Geheimnis war ihm vertraut,
im Dienste der Gottheit ist er ergraut.

Als der König entschlief, sein Herold rief:
„Im dreifachen Sarg ruht Hinz im Hügel,
sein Ruhm gewinne unsterbliche Flügel !“

In Sonne und Schnee, bei Aufwind und Weh,
wölbt sich um dreitausend Jahre schon,
der „Hinze-Berg“ über des Landes Sohn.

(Gerhard Hess)

An der Weser kannte man gar einen Hügel, in dem einst eine Königin, die von Norwegen gekommen war, begraben wurde; um ihr Grab hätten zwölf Pechtonnen gestanden, die wochenlang gebrannt haben. Solches und anderes mehr wußte und weiß man noch, und die „Gelehrten“ hatten immer über diesen „Aberglauben“ die Köpfe geschüttelt und das „dumme Volk“ auf andere Erzählungen verwiesen, die weit älter und besser verbürgt sein sollten, als dies Spinnstubengeschwätz.

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Bis dann eines Tages eine andere Art von Gelehrten aufkam, die hatten wohl auch von ihrer Ahnfrau die alten Geschichten gehört und ihren wunderbaren Zauber verspürt; und sie dachten, daß das, was auf diesem Boden gewachsen war, doch nicht so dumm sein könnte. Sie gruben in den Berg in der Mark ein Loch, und siehe da, die Schätze des Königs und seine drei Särge (es waren drei Graburnen) kamen zum Vorschein.

In Mecklenburg holte ein gelehrter Mann die Bauern zusammen, und als man beim Graben wirklich auf den Steintisch und auf den bronzenen Kessel stieß, da fürchteten die Bauern den Zorn der Zwerge, ließen ihre Schaufeln im Stich und rannten davon.

An der Weser endlich fand der Gelehrte, der selbst ein Mann des Volkes war und dessen gesunde Ehrfurcht besaß, beim Graben auch die Spuren der Pechtonnen und konnte genau bestimmen, wo sie gestanden hatten.

Nun sah man nach und nach die alte Weisheit des Volkes mit anderen Augen an, und man erkannte, daß diese Weisheit viel echter und dauerhafter ist, als alle Pergamente, die man aus fremden Ländern geholt und als uralte Offenbarung angepriesen hatte.

bild43Und man erkannte, daß auch andere Sagen einen tiefen, ehrwürdigen Kern haben: etwa die Sage von dem großen Volkskönig, der am steinernen Tische im Berge sitzt und des Tages harrt, da ihn sein Volk in höchster Not zu Hilfe ruft. So sehr hat sich nämlich das ganze deutsche Volk als eine einzige Sippe empfunden, daß es diesen Ahnen im Berge zum ewigen Sinnbild von Volk und Reich gemacht hat.

Und so konnten wir auch das alte, tiefe Bild, nachdem die guten Geister dem Neugeborenen in der Wiege als weise Frauen ihre Gaben spenden, auf einer Grabdarstellung in Schweden wiederfinden und richtig deuten.

Die guten Gaben – das ist das Erbgut der Sippe, daß jedem Neugeborenen geschenkt wird.

Die eine böse Gabe aber, die wohl jedem mit in die Wiege gelegt wird, muß durch ein kämpfendes, tatfreudiges Leben überwunden werden, dessen Sinnbild der Königssohn ist, der sich vor nichts fürchtet.

Quelle: Das Erbe der Ahnen