Nach einem blutigen, sinnlosen Krieg im Dunkel völkischer Zwiespältigkeit mischt sich ins Totengedenken und in das Hoffen auf neues Licht das verwirrende Bild eines uralten Wiedergängers.

Man nennt ihn den höchsten Gott der einst freien Germanen und streitet erneut um sein Wesen und seinen Wert für uns. Als Wallhallgott wie als Dämon und wilder Jäger in den „zwölf Nächten“ ist er gewiß Vergangenheit oder „Aberglaube“, und die Religionsgeschichte und Volks­kunde mögen ihn deuten ohne Romantik oder Hass.

Aber er ist Ge­genwart als ein ungelöstes Problem der deutschen Seele und der europäischen Geschichte, und er erscheint in Götterdämmerungszeiten im­mer wieder als Verführung, Aufgabe und Gefahr.

Voraussetzung fruchtbaren Gesprächs über geschichtliche Fragen, die in die Gegenwart wirken, ist, daß die Sprechenden aus dem Er­forschten und dem Erlebten zu lernen vermögen. Jede Forschung ringt sich durch Irrtümer und Widersprüche zu einem bestimmten Stand. Der Unterschied etwa zwischen der früheren „Mythologie“ und der religionsgeschichtlichen Vertiefung in späteren Werken (Wilhelm Grön­bech z. B.) muß im Bewußtsein der Sprechenden sein.

Wenn es bisher nicht möglich ist, eine bestimmte Forschungsmeinung zu widerlegen, darf man auch nicht versuchen, an ihr vorbeizureden. Bezüglich Odin hieße das z. B.: „Wilhelm Grönbech hat im Anschluß an eine namhafte Reihe von Gelehrten. (Petersen-Mogh u. a.) im Rahmen einer alle Re­ligionen erfassenden Arbeit vieler Fachleute als berufener Darsteller der germanischen Religion geschrieben:

„Alles deutet daraufhin, daß er (Odin) von Süden her in den Norden gekommen und niemals über die Königshöfe hinaus ins Volk gedrungen ist, wie das vollständige Schweigen auf Island zeigt, und seine Geschichte im Norden liegt darin angedeutet, daß er vornehmlich an den Länder sammelnden Fürstenhöfen verehrt wird.«

Solange das nicht widerlegt ist, hat man es zum Ausgangspunkt der Herkunftsfrage zu nehmen, oder zumindest als die errungene Er­kenntnis des – im Gegensatz zu anderen – auch religionswissen­schaftlich kundigen Fachmannes neuerer Zeit ernst zu nehmen.

 

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Aber, zumal, wenn wir in nichtfachwissenschaftlichen Zeitschriften zu solchen Fragen uns äußern, sollten wir auch das gemeinsam Erlebte nicht verleugnen.

Nichts kann uns verderblicher sein, als wenn wir nach der großen Götterdämmerung unserer Tage so tun, als wäre nichts gewesen, als machten wir einfach weiter, als wäre gar kein Schrecken und Grauen unter germanischem Zeichen ins Volk und die Völker gegangen.

Die heitere Friedenssonne über unseren „nordbluti­gen“ Rassenträumen scheint nicht auf Flüchtlingselend und Zonen­grenzen und den Sieg der Fremde aus Ost und West, und wie immer die Schuld Fremder auch in unserer Geschichte sicher ist, so sicher ist auch, daß im Namen eines ausdrücklich aufgerufenen „Sittlichkeits‑und Moralgefühls germanischer Rasse“ sich unschuldige Frauen und Kinder fremder Rasse in unendlichen Reihen ihr Massengrab schau­feln mußten, ehe man sie hineinschoß oder auf andere Art „erledigte“. Daran denkt doch die Welt, wenn wir „Besiegten“ von den Germanen reden.

 

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Und damit sollte man rechnen bei jeder Zeile, die man schreibt, zumal, wenn man den Gott des „furor teutonicus„, der List, des Zau­bers und der Grausamkeit in die germanische Lebensmitte stellen zu müssen meint.

Wir haben „ihn“ doch erlebt!

Und was wir schreiben, wollen wir nicht für einen Kreis von Träumern schreiben, sondern für unser ganzes Volk und zur Wiederaufrichtung seines Lebens und seiner Ehre inmitten der Völkerwelt.

Das Dritte aber ist die schlichte Tatsache, daß es in Geschichte und Gegenwart eine Weltmacht gibt, die Rom heißt.

Wie kann man ger­manisch-christliche Missionsgeschichte, wie kann man die Quellen der augusteisch gesinnten Lateiner und des römisch-katholischen Snorri Sturluson, sofern sie über Germanisches aussagen, immer wieder so auslegen, als hätte es keinen Augustus und keinen Papst gegeben?

Als könnten wir hier religionsgeschichtlich konstruieren und kombinieren wie im alten Indien oder Peru, wo wir doch hier mit vollkommen geklärten Tendenzen eines Kulturkampfes zu rechnen haben? Hier redet nicht der sagenhafte Homer, sondern der römisch-christliche Gelehrte Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert, und was sich zwischen Thor, Odin und Krist in der Wikingerwelt und ersten Christenzeit abspielt, ist ein vollkommen bekannter Kampf von noch heute in un­seren Völkern weiter ringenden Kräften und Mächten.

Als Snorri Sturluson (Geb. 1179) ein Kind war, drängte aus der Tiefe seines kleinen Volkes seltsam mächtig ein seit der staatlich im Jahre 1000 beschlossenen Taufe unterdrücktes, von Strömen neuer Bildungsgüter glanzvoll niedergehaltenes Wissen, Schauen und Deu­ten literarisch empor. Seit dem Anfang des 12. Jahrhunderts begann man nach einer Schreibart isländisch zu schreiben; und die ganze weite Bildungswelt des getauften Abendlandes öffnete sich den wissens­frohen Isländern. Aber erst am Ende des Jahrhunderts drang in die Fülle des Neuen, in übersetztes christliches Lehrgut, in den bunten Widerhall aus fremder Welt im Süden (von Heiligenleben und Ho­milien bis zu Ovids Ars amandi) seltsam drängend – und siegreicher als irgendwo sonst im bekehrten Europa – die Seelenstimme der Heimat, wie sie noch – mit allem Heidentum – in dem Werk des neuesten, preisgekrönten Islanddichters, Haldor Laxness, klingt.

 

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Das Schrifttum, das so entsteht, besonders Landnehmerchronik, Sip­pensaga, Geschichtsschreibung, Skalden- und Eddalieder, nährt sich gewiß aus treu bewahrtem, mündlich weitergegebenem Erzähler- und Dichtergut. Aber es wird Literatur, und damit ein für uns heute les­bares, gerettetes Zeugnis erst nach fast 2 Jahrhunderten, in denen das Neue hier wie bei allen anderen bekehrten Völkern nach planvoll gelenkter Umschulung wirksam war, das älter überlieferte zu überden­ken und zu erübrigen. Man mag aus der Teilnahme gerade auch geist­licher Schreiber eine gewisse Anteilnahme der Kirche an diesem Em­portauchen jener‘ älteren Klänge folgern, oder nur ein „Nachgeben-müssen“, bzw. eine kirchliche Schwäche gegenüber einem elementaren Traditionswillen vermuten. Jedenfalls aber ist es falsch, an Edda und Saga heranzugehen, ohne diesen missionskundlichen Tatbestand zu bedenken.

Als Snorre auf Oddi in der Spur des in Paris gebildeten ersten Isländischen Lateiners Sämund seine ersten Bücher las, wurde auf dem Bischofssitz Skalholt (dessen 900-Jahrfeier jetzt die Islän­der begehen) der Bischof Thorlak Thorhallssohn (gest. 1193, 2 X Thor- im Namen!) zum wunderwirkenden Heiligen, dessen Schrein (mit zwei Stückchen seines angeblichen Schädels) dann in der Thor­laksmesse am 20. Juli und am 23. Dezember (Im Jahrhundert der Saga- und Edda-Niederschrift!) zu großem Volksfest die Gläubigen versammelte, die alle sich drängten, „Thorlaks Hand zu stützen“, das hieß, den Schrein zu tragen und so seines Segens teilhaftig zu werden.

Wer von alle denen, die aus den Edda-Göttern „germanische Fröm­migkeit“ ablesen, kann sagen, daß er sich diesen Tatbestand genau vergegenwärtigt hat?

 

Und liegt es nicht sehr nahe – entsprechend dem, was Snorri Sturluson dann selbst jeweils im „Vorwort« seiner Werke sagt – , für Saga und Edda selbst, (wenn auch nicht so skeptisch wie Walther Baetke jetzt bzgl. der Saga), eine Art „Passier­schein“ oder „Unbedenklichkeitsstempel“ zu suchen? Ist eben das nicht in gewissem Sinne für die Edda Odin selbst, als persönlichster Gott der Götter, als Weltenherrscher, als nachträglich übergeordneter „Schiecker der Asen“, als Gott am Galgenholz, den Speer in der Seite, sterbend und neu entstehend?

Missionszeit herrscht mit ihren Neigungen, zu werten und auszu­löschen. Und Odin ist ein missionskundliches Problem, gerade dort, wo er am tiefsten erlebt zu sein scheint wie in jenen Strophen der Hävamäl vom sich selbst opfernden Gott am „Galgenholz“, mit dem Ger in der Seite und dem Niederfallen und Auferstehen. Dieses missionskundliche Problem wird zugunsten einer bequemen Ablösung der Quellensagen von ihrem jeweiligen Hintergrund mißachtet.

Es ist aber, grob gesagt, falsch, Snorri Sturluson zu zitieren, wenn man nicht aus seinen und seiner Zeitgenossen Schriften erkannt hat, in welches Licht das 13. Jahrhundert auf Island Thor, Odin und Krist des 10. und 11. Jahrhunderts stellte und sehen sollte.

 

 

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Im religiösen Leben der Völker, zumal in Zeiten des Überganges und Glaubenswechsels, werden nicht nur zwei, sondern eher drei sehr verschiedene Verhaltensweisen sichtbar. Die erste macht sich ein Bild von Gott, denkt ihn sich aus, weiß sich seiner zu bemächtigen und nötigt ihn zur Parteinahme im Besitze der Kenntnis seiner Funktionen und Maßstäbe. Die zweite lehnt jede solche Praktik und Vorstellung ab, hält es für Torheit, an Götter zu glauben, stützt sich auf den Mensch und glaubt an Menschenmacht allein. Die dritte lebt aus dem Gefühl einer Verbundenheit mit einer Macht, die sich mit uns immer neu verbünden will, und fühlt sich von dort her gestärkt – Jenseits von Theismus und Atheismus“ – wie Hermann Schwarz es nannte, etwa im Sinne der schönen Verse von Conrad Ferdinand Meyer:

 

„Die Rechte streckt sich schmerzlich oft in Harmesnächten. / Und fühlt‘ ge­drückt sie unverhofft von einer Rechten. / Was Gott ist, kann in Ewig­keit kein Mensch ergründen, / doch will er treu sich allezeit mit uns verbünden.“

 

Nur im dritten Falle wird eine Aussage gemacht über einen fühl­baren göttlichen Willen, den man wirkend weiß, dessen Wirkungen in der Gesetzlichkeit der Umwelt wie in den Wundern der Begeg­nungen und Geschehnisse man erkennen kann, ohne sagen zu können, wie er aussieht oder was er tun muß. Man kann ihn selber nie „er­gründen“ und will es auch nicht, und doch erfährt man mehr von ihm als in dem ersten Falle, wo das selbstgemachte Bild ihn beschattet. Nur im ersten Falle wird es eine Festlegung auf einen besonderen Namen und Ritus geben, ein Wächter um der Rechtgläubigkeit und eine Inanspruchnahme des Gottes für einen bestimmten Zweck und eine bestimmte Gemeinschaft.

 

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Und nur im eigenen Kraftgefühl, bis ihn „Schicksal“ überwältigt, in dem er dann meist doch wieder die Schatten von Dämonen oder Göttern sieht; denn keine Aufklärung und kein Atheismus hat jemals mit der Religion wirklich fertig wer­den können, und meist bedarf man eines Religionsersatzes.

Vielleicht darf man diese Unterscheidung auch auf die Zeit des einstigen nordgermanisch-christlichen Glaubenswechsels anwenden.

Wir sehen eine wachsende Neigung zu Personifizierungen der Gottheit, zu bestimmter Inanspruchnahme einer Gottheit (oder auch mehrere) für eine Gaugemeinschaft, einen Stand, – eine fortscheitende Aus­malung der vorgestellten Götterbilder, vielleicht – nicht sicher – sogar geschnitzte Götterbilder in Heiligtümern; demzufolge Abgrenzung, Weiheriten, priesterliche Rechte, Angst vor Gotteszorn und Gottesabfall bei Versäumnissen.

Wir sehen ferner jenen vielgenannten „Glauben an die eigene Macht und Kraft“, an das wirkende Menschenwort, an die magischen Zeichen, an die unvorstellbare und dann doch wieder im Bilde der Nornen sichtbar gemachte Schicksalsmacht, gegen die keiner Widerstand lei­sten kann, die aber auch keiner anflehen kann.

Und wir sehen drittens jenes Eingebettetsein des Menschen in ein ihn umgebendes Leben, in ein geahntes Allgesetz und eine aus inne­rem Seelenmaß geschaffene Lebensordnung, die als heilig empfunden wird, in Irminsul oder Hochsitzfosten sinnbildhaft nacherlebt wird und sich erst spät mit „neutralen“ Götternamen, den „Mächten“ (regin, bönd, god usw.) oder Weltall- und Weltlicht-Namen göttlich ausstattet.

 

So kommt es, daß zumal laut der skandinavischen Ortsnamen­forschung „Götternamen“ ohne jede Kulterinnerung, ja, sogar ohne Fortleben oder Ausgestaltung im Mythos überliefert sind, der rätsel­hafte „Ullr“ etwa, und daß Götter wie Tyr (Tiu-Ziu usw.) oder Njörd und Heimdallr und zu Anfang auch Donar /Thor unbildliche und vielleicht auch kultisch unbeeinflußbare Wesenheit sind.

 

Eine bestimmte Reihenfolge ist mit allem Vorbehalt wohl zu er­kennen, wenn auch nur für die ausgehende Heidenzeit und nur als Verschiebung der Gewichte, denn alle drei Verhaltensweisen mögen immer da gewesen sein und früher anders zu einander gestanden ha­ben.

Es scheint, daß sich die Leute in Birka am Mälarsee mit Thorshämmern schmücken, weil Christen das Kreuz bekenntnishaft zu tra­gen begannen. Es scheint, daß die Isländer in betonter Geschlossenheit ihre Kinder mit Thorsnamen benennen, weil sich die neue Herren­halle mit ihren Skalden im alten Heimatland, aus dem die Freiheit fliehen mußte, in die Odinsauserwähltheit steigert und der weiße Krist „den Thor zum Holmgang fordert“.

 

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Es scheint, daß in der „Odinsverehrung“ zwischen Thorsbauertum und Christenkreuz diese Inanspruchnahme eines sehr stark personifizierten, charakterisierten und mit Attributen und Machtsymbolen ausgestatteten Gottes, der in Walhall den schlimmen „Fürsten“ Erich Blutaxt persönlich emp­fängt, ihren absoluten Höhepunkt erreicht, und ich kann dies nur als eine ausgezeichnete Vorbereitung auf den theologisch fest bestimmten, persönlichen dreieinigen Christengott und die ihn zu ihren Zwecken selbstsicher in Anspruch nehmende Kirche sehen.

Gegen diesen genau wie gegen den personifizierten Heidengott zuvor wehrt sich in wach­sendem Trotz, auf sich selbst zurückgeworfen, der „glaubenslose“ Heldensinn; aber hinter der Zeit des übergangs- und durch sie hin­durch das Beste bewahrend – wird jene dritte Weise sichtbar, im Brauchtum, in Rechtssprüchen und anderen Lebenszeugnissen vielstim­mig sich äußernd. In ihrem Zeichen reicht der Heide Björn der edlen Schwester Unn, der Christin, die Hand, und Jarl Sigurd dem jungen König Hakon, der als Christ aus England heimkam. Und eben dies Dritte lebt sieghafter weiter als alles andere, denn es beherrscht seitdem den Glauben aller religiös empfindenden, aber nicht für eine Kirche werbenden Geister des „Abendlandes“ (bis zu H. Laxness „Atom­station“), bald vereint, bald im Widerspruch mit der christlichen Lehre.

Diese natürlich ziemlich subjektiv bestimmte Betrachtung möge zunächst den Wert haben, vor jeder vereinfachenden Vorstellung eines solchen Glaubenswechsels zu warnen:

Es stand gewiß nicht einfach eine geschlossene „Götterlehre“ gegen das siegende Christentum, sondern die Glaubensweisen wogen ineinander im flutenden Geschehen der Zeit, und es ist schon von hier aus töricht, die Vordergrundgestalten oder Tempelfries-Figuren der Edda-Götter, die sich in diesen Fluten spiegeln, für „das germanische Heidentum“ schlechthin zu halten.

 

 

 

Quelle: Albruna

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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… mal eine andere Sicht der Dinge …

 

 

 

 

 

 

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